Wortschatz oder Grammatik: Was ist wichtiger und was lernt man zuerst?

Mark Ericsson / Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2026
Wortschatz oder Grammatik: Was ist wichtiger und was lernt man zuerst?

Du brauchst beides, aber nicht in jeder Phase gleich viel. Der Wortschatz bringt Anfängern am schnellsten Erfolge: Schon ein paar häufige Wörter reichen, um nach etwas zu fragen und einfache Antworten zu verstehen. Die Grammatik macht aus diesen Wörtern klare Sätze. Am besten lernst du jedes neue Wort gleich mit der Grammatik und dem Kontext, die es brauchbar machen.

Eine Frage, die sich fast alle Sprachlernenden irgendwann stellen, lautet ungefähr so: „Was ist wichtiger, Grammatik oder Wortschatz?“ So beantworte ich sie, und das hat bei mir funktioniert.

Was ist wichtiger, Wortschatz oder Grammatik?

Wortschatz sind die Wörter einer Sprache. Grammatik ist das System von Mustern, das dir sagt, wie sich diese Wörter verändern und zu Sätzen verbinden. Wenn du nur eins von beiden haben könntest, kämst du mit dem Wortschatz weiter. Der Linguist David Wilkins hat es 1972 so formuliert: „Ohne Grammatik kann nur sehr wenig vermittelt werden, ohne Wortschatz gar nichts.“

Die ehrliche Antwort lautet aber: Es hängt davon ab, was du brauchst. Am Anfang brauchst du einfache Wörter und Wendungen wie „Hallo“, „Tschüss“ und „Danke“. Man kann auch einfach „Name?“ oder „Telefonnummer?“ sagen und bekommt trotzdem eine Antwort. Irgendwann willst du aber über Ausdrücke aus zwei oder drei Wörtern hinauskommen, sonst bleibst du auf dem Niveau dessen stehen, was ein zwei- oder dreijähriges Kind in seiner Muttersprache ausdrücken kann.

Du kannst auch ein Wort ans andere reihen, eine Art Wortsalat, und deine Zuhörer folgen dir vielleicht eine Weile. Die meisten Menschen finden diese Art der Verständigung auf Dauer aber anstrengend. Genau hier kommt die Grammatik ins Spiel.

Sollte man zuerst Wortschatz oder Grammatik lernen?

Am besten für: Anfänger, die überlegen, wofür sie ihre ersten Lernstunden nutzen.

Fang mit dem Wortschatz an und nimm Grammatik dazu, sobald du Wörter hast, auf die du sie anwenden kannst. Eine bessere Frage als „Welches von beiden?“ ist meiner Meinung nach: „Worauf sollte ich mich gerade jetzt konzentrieren, Grammatik oder Wortschatz?“ Mit dieser Frage kannst du je nach Bedarf zwischen beiden wechseln.

Manchmal ist es besser, einfach Wörter zu lernen. Wenn du zum Beispiel Englisch lernst, fang mit den Wörtern an, die dir am häufigsten begegnen werden: Die 100 häufigsten englischen Wörter mit Aussprache. Und manchmal ist es besser, Strukturen zu üben, etwa wie man eine Frage stellt, über die Vergangenheit spricht oder ein Verb verneint. Letztlich musst du beides nebeneinanderstellen, denn zusammen funktionieren sie am besten.

Ein junger Mann im grauen T-Shirt liest auf einem Ledersofa in einer Hausbibliothek ein Buch, hinter ihm eine Lampe und volle Bücherregale

Was bedeutet es, ein Wort zu kennen?

Ein Begriff, der mir persönlich sehr geholfen hat, ist „Wortkenntnis“. Schau dir einen beliebigen Eintrag in einem Wörterbuch oder Sprachführer an: Zu jedem Wort gibt es Angaben zu seiner Bedeutung und zu seinem Gebrauch. Ein Wort gut zu kennen heißt viel mehr, als seine Übersetzung zu wissen.

Der Forscher Paul Nation (2001) beschreibt Wortkenntnis in drei Teilen:

  • Form: wie das Wort klingt, wie es geschrieben wird und aus welchen Teilen es besteht.
  • Bedeutung: worauf es sich bezieht und mit welchen anderen Wörtern und Vorstellungen es verbunden ist.
  • Gebrauch: seine Grammatik, die Wörter, mit denen es meist zusammen auftritt, und wann man es passend verwendet.

Im dritten Teil treffen sich Wortschatz und Grammatik. Außerdem erkennst du ein Wort meist lange, bevor du es selbst verwenden kannst. Diese Lücke erklären wir in unserem Ratgeber zu rezeptiven und produktiven Fertigkeiten.

Wie hängen Wortschatz und Grammatik zusammen?

Viele Wörter bringen ihre eigene Grammatik mit. Im Englischen sagt man „depend on“ (abhängen von), nicht „depend of“. Man sagt „make a mistake“ (einen Fehler machen), aber „do your homework“ (die Hausaufgaben machen), obwohl im Deutschen beide Male „machen“ steht. „Advice“ (Rat) hat keinen Plural, deshalb bittet man um „some advice“, nicht um „an advice“. Nichts davon steht in der Übersetzung des Wortes, aber all das entscheidet, ob dein Satz richtig klingt.

Deshalb sehen manche Lehrkräfte beides als ein einziges System. Der lexikalische Ansatz (Lexical Approach), den Michael Lewis 1993 beschrieben hat, besagt: „Sprache besteht aus grammatikalisierter Lexik, nicht aus lexikalisierter Grammatik.“ Einfach gesagt: Lerne Wörter in den Wortverbindungen, in denen sie natürlich vorkommen, dann kommt ein großer Teil der Grammatik von selbst mit.

Wie lernt man Wortschatz und Grammatik zusammen?

Am besten für: Lernende, die viele Wörter kennen, aber Mühe haben, Sätze zu bilden.

Zu wissen, wie ein Wort zusammen mit anderen Wörtern in einem sinnvollen Satz verwendet wird, bringt dir mehr, als nur das Wort allein zu kennen. Diese fünf Gewohnheiten helfen dabei:

  1. Lerne Wörter in Wendungen. Speichere „make a decision“ (eine Entscheidung treffen), nicht nur „decision“.
  2. Notiere die Grammatik auf der Karte. Ergänze das Geschlecht, den Plural, die Vergangenheitsform oder die Präposition, die das Wort braucht.
  3. Lerne ganze Beispielsätze auswendig. Ein Satz liefert dir ein fertiges Muster, das du wiederverwenden kannst.
  4. Tausche ein Wort aus. Nimm einen Satz, den du kennst, und ändere ein Wort, um einen neuen zu bilden.
  5. Verwende es. Sag oder schreib noch am selben Tag einen eigenen Satz mit dem neuen Wort.

Deshalb gibt es bei Lingocard sowohl einzelne Wörter als auch ganze Sätze. Neben den Kartenstapeln mit Wörtern findest du fertige Stapel mit Sätzen, Wendungen und Redewendungen. In unserer kostenlosen Karteikarten-App wird jede Karte vorgelesen, sodass du jedes Wort mit seinem Klang und dem Kontext lernst, der es in echten Sätzen brauchbar macht. Weitere Techniken findest du in unserem Ratgeber, wie du deinen Wortschatz verbessern kannst.

Wie können Lehrkräfte das im Unterricht umsetzen?

Am besten für: Lehrkräfte, die Unterrichtsstunden oder einen Kurs planen.

Dasselbe Prinzip funktioniert auch im Klassenzimmer. Verbinde jedes neue Wort mit der Grammatik und dem Kontext, die es brauchbar machen, und führe Muster ein, sobald die Lernenden die Wörter haben, um sie zu füllen. Wer das in der richtigen Reihenfolge plant, kann einen strukturierten Lehrplan erstellen, der Wortkenntnis Schritt für Schritt aufbaut, statt Wörter isoliert zu vermitteln.

Fazit: Wörter und Grammatik zusammen lernen

Lerne eine Sprache sowohl in einzelnen Bausteinen als auch in Teilen, die du flexibel zusammensetzen kannst:

  • Beginne mit den häufigsten Wörtern und Wendungen.
  • Lerne jedes Wort mit seiner Form, seiner Bedeutung und seinem Gebrauch.
  • Nimm Grammatikmuster dazu, sobald du Wörter hast, um sie zu füllen.
  • Übe jeden Tag, eigene Sätze zu bilden.

Je mehr du übst und je besser du spürst, wie Wortschatz und Grammatik zusammenspielen, desto sicherer kannst du deine Wörter verwenden. Ob du Englisch online lernen möchtest oder eine andere Sprache: Auf der Plattform von Lingocard findest du Kartenstapel mit Wörtern und Sätzen sowie Spaced Repetition.

Häufig gestellte Fragen

Beides zählt, aber am Anfang bringt dich der Wortschatz weiter: Ohne Wörter lässt sich nichts vermitteln, ohne Grammatik immerhin ein wenig. Die Grammatik macht dann aus deinen Wörtern klare Sätze. Lerne deshalb jedes neue Wort zusammen mit seinem Gebrauch.

Fang mit den häufigsten Wörtern und Wendungen an und nimm einfache Grammatikmuster dazu, sobald du Wörter hast, auf die du sie anwenden kannst. Statt dich für eins zu entscheiden, frag dich, was du gerade am meisten brauchst.

Der Wortschatz sind die Wörter einer Sprache. Die Grammatik ist das System von Mustern, das dir sagt, wie sich diese Wörter verändern und zu Sätzen verbinden, zum Beispiel wie man die Vergangenheit, eine Frage oder den Plural bildet.

Ein Wort zu kennen heißt, seine Form (Klang, Schreibung, Bestandteile), seine Bedeutung und seinen Gebrauch zu kennen: seine Grammatik, die Wörter, mit denen es meist zusammen auftritt, und wann es passt. Der Forscher Paul Nation beschreibt Wortkenntnis in diesen drei Teilen.

Lerne Wörter in Wendungen, notiere auf der Karteikarte die Grammatik, die jedes Wort braucht, lerne ganze Beispielsätze auswendig, tausche in einem Satz ein Wort aus, um einen neuen zu bilden, und verwende jedes neue Wort noch am selben Tag in einem eigenen Satz.